Was bleibt, wenn die Kinder gegangen sind

Shownotes

In dieser Episode:

  • Der Moment, wenn das Kind auszieht — und warum er oft anders trifft als erwartet
  • Warum Elternschaft als jahrzehntelange Hauptrolle einen blinden Fleck hinterlässt, wenn sie endet
  • Der Unterschied zwischen Trauer und Leere — und warum Leere schwerer zu benennen ist
  • Was in der Stille hörbar wird, das vorher vom Alltag übertönt war
  • Wie man sich selbst in dieser Phase begleitet, ohne die Leere sofort zu füllen
  • Warum der Körper oft früher weiß als der Kopf, was er gerade braucht
  • Die Rückkehr zu sich selbst als das, was nach der Hauptrolle möglich wird

Reflexionsfragen aus der Episode:

  • Gibt es einen Bereich, in dem du in den letzten Jahren vor allem für jemand anderen da warst?
  • Was hast du dir selbst mit einem „erstmal, bis das Kind größer ist" aufgeschoben?
  • Was ist wirklich da, wenn du die Stille einen Moment stehen lässt, statt sie zu füllen?
  • Wer bist du, wenn du nicht mehr vor allem Mutter oder Vater bist?

Weiterführende Episode:

  • E05 — Wer bist du, wenn der Titel wegfällt

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Transkript anzeigen

00:00:16: Willkommen zurück bei Zwischen den Zeiten.

00:00:19: Ich bin Martin.

00:00:21: Heute spreche ich über etwas, das viele Menschen auf eine Weise trifft mit der sie nicht gerechnet haben – über einen Moment, dem man jahrelang für sich eingeplant hat und der dann ganz anders ankommt als gedacht.

00:00:35: Das Kind zieht aus!

00:00:37: Nicht für ein Wochenende, Mit dem Auto vollgepackt, mit einem Schlüssel für eine andere Wohnung.

00:00:46: Mit dem versprechen sich zu melden und dann fährt das Auto um die Ecke.

00:00:51: Und du stehst da!

00:00:53: Was dann kommt ist für viele Menschen der erste Moment seit sehr langer Zeit in dem der Alltag nicht weiß was er mit ihnen anfangen soll.

00:01:03: Ich möchte heute Zeit nehmen für dieses Thema weil ich glaube es wird gesellschaftlich sehr häufig zu schnell abgehandelt.

00:01:13: Mit Sätzen wie, das ist doch schön jetzt hast du Zeit für dich oder endlich wieder Zweisamkeit?

00:01:20: Oder Das Kind ist doch glücklich!

00:01:22: Das ist doch das Ziel gewesen, dass alles stimmt und das erklärt trotzdem nicht was da passiert in dem Körper, in der Seele, im stillen Freitagabend an dem man nicht mehr weiß warum man eigentlich ins Wohnzimmer gegangen.

00:01:40: Ich spreche in meiner Arbeit regelmäßig mit Menschen, die genau an diesem Punkt stehen.

00:01:45: Meistens kommen sie nicht mit dem Stichwort leeres Nest.

00:01:50: Sie kommen mit anderen Beschreibungen – sie sagen «Ich finde mich gerade nicht wieder», ich bin erschöpft obwohl ich eigentlich nichts Besonderes getan habe.

00:02:01: Ich sitze abends da und weiß nicht was ich eigentlich will oder ich fühle mich komisch Aber ich kann dir nicht sagen, warum.

00:02:11: Hinter diesen Beschreibungen steckt sehr häufig das, worüber Ich heute sprechen möchte.

00:02:17: Lass mich mit etwas anfangen, dass viel nicht sofort auffällt.

00:02:22: Dem körperlichen Erleben dieser Phase – weil das oft das erste ist was sich meldet!

00:02:27: Nicht als Gedanke, als Körpergefühl.

00:02:30: Manche beschreiben es als Schwere eine Art Druck irgendwo in der Brust oder im Bauch den sie nicht einordnen können.

00:02:39: Andere beschreiben es als eine seltsame Leichtigkeit, die sich anfühlt wie eine Halluzination, also hätte jemand etwas weggenommen das man gar nicht gemerkt hat wie sehr man es getragen hat.

00:02:53: wieder andere beschreiben ist als Orientierungslosigkeit im Raum.

00:02:58: Das Zuhause fühlt sich groß an Die Stille klingt anders Der Morgen beginnt ohne das, was ihnen immer strukturiert hat.

00:03:07: Das ist keine Einbildung – dass es das Nervensystem, das eine jahrelange Aufgabe abgibt und nicht weiß, was jetzt kommt!

00:03:16: Stell dir vor du hast zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre lang einer Hauptrolle gespielt.

00:03:23: Nicht als Ablenkung, nicht neben dem eigentlichen Leben als das Zentrum deines Alltags.

00:03:30: Früh aufstehen wegen

00:03:31: jemandem.".

00:03:32: Mahlzeiten planen für jemanden, Entscheidungen abwägen die das Leben eines anderen Menschen betreffen.

00:03:40: Den Kalender bauen um jemanden herum.

00:03:42: Nachtswach liegen wegen jemandem, lachen wegen jemandm, Sorgen tragen, die man gar nicht vollständig loswerden kann weil Elternschaft nicht endet wenn das Licht ausgeht.

00:03:53: Das war kein Job!

00:03:55: Das war wer du warst und das ist der entscheidende Unterschied.

00:03:59: Eine berufliche Rolle kann man ablegen.

00:04:02: Einen Titel, eine Position – das hat einen klaren äußeren Rahmen.

00:04:07: Wenn eine Identität wegfällt ist das anders Denn Identität hat keinen Rand.

00:04:13: Sie bestimmt nicht nur was wir tun sie bestimmt wie wir die Welt wahrnehmen Wie wir einen Raum betreten Wonach wir suchen wenn wir durch den Supermarkt gehen.

00:04:25: Wenn du dich über zwei Jahrzehnte wesentlich über die Elternschaft definiert hast, und das passiert unbewusst.

00:04:32: Das entscheidet sich niemand bewusst so – dann ist der Auszug des Kindes kein Abschied von jemandem!

00:04:38: Es ist ein Abschied vom einem Teil von dir selbst.

00:04:41: Von dem Teil der wusste worum er aufsteht.

00:04:45: Der einen klaren Grund hatte Anwesen zu sein.

00:04:48: Der wichtig war nicht im abstrakten Sinne sondern täglich praktisch konkret.

00:04:56: Das ist ein echter Verlust und der verdient echte Sprache, jetzt kommt der Teil den ich für besonders wichtig halte weil er oft übersehen wird.

00:05:07: in dieser Stille taucht auf was immer da war.

00:05:11: das klingt vielleicht rätselhaft.

00:05:13: lass mich erklären was ich meine.

00:05:15: Wenn du jahrelang die meiste Energie auf jemand anderen gerichtet hast, dann gibt es zwangsläufig Bereiche in dir, die nicht dran kamen.

00:05:26: Nicht weil Du sie vergessen hast sondern weil der Alltag lauter war, weil immer etwas Dringenderes da war.

00:05:35: Wünsche die Du aufgeschoben hast erst mal bis das Kind größer ist Impulse die Du weggedrückt hast – nicht jetzt!

00:05:44: Fragen über dich selbst, die du registriert hast aber nicht weitergedacht hast weil der Abend schon voll war.

00:05:52: Die Stille nach dem Auszug macht diese Dinge hörbar und das fühlt sich für viele nicht wie Erleichterung an.

00:06:00: es fühlt mich an wie ein Schreck denn plötzlich höre ich etwas dass ich vielleicht gar nicht hören wollte zum Beispiel dass die Ehe schon längere Zeit nicht mehr das ist was sie war Und solange das Kind da war, hatte man immer einen Grund nicht wirklich hinzuschauen.

00:06:20: Oder dass der Beruf seit Jahren nicht mehr erfüllt – aber das war so lange so laut übertönt, dass man es als normal abgespeichert hat!

00:06:31: Oder die ganz einfache beunruhigende Frage «Was ich eigentlich will?» Nicht was sich soll, nicht was sinnvoll ist, sondern was ich will.

00:06:42: wenn ich ganz ehrlich bin….

00:06:44: Das sind keine angenehmen Entdeckungen und sie sind trotzdem wichtig, weil Sie zeigen wo Leben darauf wartet gesehen zu werden.

00:06:54: Ich möchte jetzt über etwas sprechen das aus meiner Erfahrung viele Menschen in dieser Phase stark beschäftigt ohne dass sie immer die richtigen Worte dafür haben den Unterschied zwischen Trauer und Lehre, weil das zwei sehr verschiedene Dinge sind – und weil man auf sie sehr verschiedenen Antworten muss!

00:07:15: Trauer kennt ihren Gegenstand, man trauert um jemanden oder etwas Konkretes und Trauer hat eine eigene Bewegungslogik.

00:07:24: Sie kommt in Wellen sie hat Auslöser, sie ist intensiv dann leiser Dann wieder intensiver Und irgendwann nicht verschwindet sie aber sie verändert sich.

00:07:38: Trauer um ein Kind das ausgezogen ist gibt es auch.

00:07:43: Das Vermissen ist real.

00:07:45: dass ist Trauer.

00:07:46: Lehre ist etwas anderes.

00:07:48: Lehre hat keinen klar benennenbaren Gegenstand.

00:07:53: Du kannst nicht sagen, ich vermisse das Kind und damit ist alles erklärt.

00:07:57: Die Lehre is tiefer als das Vermissen.

00:07:59: Sie sitzt nicht nur im Herz sie sitzt irgendwie im ganzen Körper in der Tagesstruktur In der Frage warum man eigentlich macht was man macht.

00:08:11: Und dass macht Lehre so schwer zu ertragen.

00:08:13: Denn Trauer versteht man.

00:08:16: Für Trauer gibt es Sprache, gibt es Erlaubnis, gibt ist Mitgefühl.

00:08:22: Für Lehre gibt es meistens schnelle Ratschläge.

00:08:25: Mach jetzt endlich was für dich!

00:08:28: Buche eine Reise leg dir ein Hobby zu, genießt die Freiheit.

00:08:32: Viele kommen mit solchen Sätzen – gut gemeint, liebevoll gemeint und doch landen sie daneben.

00:08:39: Nicht weil Reisen schlecht wäre oder Hobbys sondern weil der Rat voraussetzt dass das Problem eine Lücke ist, die es zu füllen gilt.

00:08:50: Während das eigentliche Thema ist was war ich die ganze Zeit und was bin ich jetzt?

00:08:56: Das lässt sich nicht durch Beschäftigung beantworten!

00:09:00: Wie begleite ich mich selbst in dieser Phase?

00:09:03: Ich werde diese Frage nicht mit einem Fünfpunkteplan beantwortet weil das der Erfahrung nicht gerecht wird aber ich möchte ein paar Dinge sagen und die wirklich helfen.

00:09:16: Das erste ist das Unangenehmste, zuerst hinschauen bevor man füllt nicht weil loslassen schön ist sondern weil man nur dann wirklich weiß was man verloren hat und was vielleicht möglich wird wenn man der stille eine Weile standhält.

00:09:34: Das bedeutet nicht passiv zu sein.

00:09:36: es bedeutet den Impuls sofort etwas zu tun kurz zu unterbrechen.

00:09:44: Was ist gerade wirklich da?

00:09:46: Was fühlt sich wie Druck an, was fühlt dich wie Sehnsucht an.

00:09:50: Was fühlte sich wie Erschöpfung an die schon länger da ist aber jetzt erst sichtbar wird?

00:09:57: Das zweite ist das nicht alleine zu tun.

00:10:00: Ich erlebe immer wieder dass Menschen in dieser Phase zu Freunden oder Freundinnen gehen und dann nach zwanzig Minuten enttäuscht wieder nach Hause kommen Nicht weil die anderen nicht wollten, sondern weil Gesprächspartner, die das selbst nicht kennen sehr schnell in den Lösungsmodus rutschen.

00:10:19: Sie wollen helfen – also geben sie Ratschläge!

00:10:23: Also überbrücken sie das Unbehagen.

00:10:25: Was hilft ist jemand der einfach da sitzt, der nicht sofort weiterhilft?

00:10:30: Der fragt…der hält …der aushält dass die Antwort auf die Frage und was machst du jetzt ?

00:10:37: Vielleicht is' ich weiß es noch Das kann eine Freundin sein, der es gelingt.

00:10:42: Ein Therapeut ein Coach.

00:10:44: Manchmal ist das auch eine Gruppe von Menschen die dasselbe gerade durchleben weil das Gespräch – ich kenne das genau – oft mehr trägt als jeder gut gemeinte Rat.

00:10:57: und das Dritte ist vielleicht das Überraschendste.

00:11:01: Der Körper weiß oft früher als der Kopf was er braucht.

00:11:05: in dieser Phase helfen Dinge die den Körper in den Fokus bringen Nicht als Ablenkung, sondern als Information.

00:11:14: Spazieren gehen ohne Kopfhörer.

00:11:16: Sitzen – ohne etwas zu tun.

00:11:18: Kochen – wirklich kochen.

00:11:20: Nicht nur Essen vorbereiten.

00:11:22: Den Atem spüren.

00:11:24: Das sind keine Wellness-Empfehlungen.

00:11:26: Das ist die Einladung dem Körper zu erlauben mitzusprechen.

00:11:30: Denn der Körper weiß meistens was von dem allem gerade stimmig ist… bevor man es in Worte fassen kann!

00:11:40: Jetzt möchte ich zum letzten Gedanken kommen, was jetzt möglich wird.

00:11:44: Ich sage das bewusst vorsichtig – nicht als Motivationsrede, nicht als Versprechen, sondern als ehrliche Beschreibung von dem, was ich in Gesprächen immer wieder sehe!

00:11:57: Wenn man die Stille nicht sofort füllt, wenn man die Lehre wirklich anschaut und die Fragen, die auftauchend nicht wegdrückt, dann entsteht nach einer Weile etwas… Eine Stimme, die leiser ist als das Gewohnte.

00:12:12: Eine Richtung, die sich anfühlt wie eine Erinnerung – so als hätte man sie immer gewusst aber lange nicht gehört.

00:12:21: Ich spreche mit Menschen, die nach dem Auszug ihrer Kinder das erste Mal seit zwanzig Jahren wirklich gefragt haben.

00:12:27: Was will ich eigentlich?

00:12:29: Nicht was soll ich wollen!

00:12:30: Nicht was ist sinnvoll sondern…was zieht mich wenn ich ganz ehrlich

00:12:35: bin?!

00:12:36: Und was dann kommt, ist meistens kein spektakuläres neues Lebenskonzept.

00:12:41: Es ist oft etwas Kleineres, konkreter – eine Richtung die sich leise meldet.

00:12:48: Ein Impuls der immer da war aber nie dran kam.

00:12:52: Eine Art zu sein, die sich echter anfühlt als die Hauptrolle der letzten zwanzig Jahre.

00:12:58: Das ist nicht das Ende der Elternschaft.

00:13:01: Die hört nicht auf wenn das Kind auszieht.

00:13:04: Das Kind bleibt das Kind, aber das Zentrum des eigenen Lebens kann sich verschieben.

00:13:10: Zurück zu sich selbst.

00:13:12: Zudem was da ist wenn keine Rolle mehr erklärt wer man isst.

00:13:17: Ich nenne dass keine Transformation.

00:13:19: ich nenne das eine Rückkehr zu fragen die immer offen waren Zu wünschen die gewartet haben zu einem Selbst Dass unter der Hauptrolle nie verschwunden ist nur sehr lange sehr still war.

00:13:32: Ich denke, wir brauchen mehr Sprache für diese Phase.

00:13:35: Mehr Erlaubnis zu sagen – das ist verwirrender als ich dachte!

00:13:41: Das tut weh auch wenn mein Kind glücklich ist und alles gut läuft.

00:13:46: Ich weiß gerade nicht wer ich bin und das ist keine Krise aber es ist auch keine Kleinigkeit.

00:13:54: Diese Schwelle verdient genau dass.

00:13:57: Ehrlichkeit Keine schnellen Antworten keine Aufforderung sich jetzt endlich selbst zu verwirklichen, sondern Raum um zu merken was gerade wirklich da ist und die Erlaubnis damit nicht alleine zu sein.

00:14:14: Wenn du gerade in dieser Phase steckst oder die Beschreibungen in dieser Folge haben jemandem im Umfeld getroffen dann möchte ich dir sagen das worüber wir gerade gesprochen haben ist kein Problem dass man alleine durch analysieren muss.

00:14:31: Manchmal hilft ein Gespräch, ein ehrliches unaufgeregtes Gespräch in dem jemand einfach fragt wie ist das gerade wirklich für Dich?

00:14:40: Wenn Du das möchtest findest du in den Show Notes den Link zu einem kurzen Erstgespräch.

00:14:46: Kein Programm keine Verpflichtung nur ein Gespräch.

00:14:51: Danke dass Du Dir heute Zeit dafür genommen hast Für dieses Thema!

00:14:55: Für dich selbst bis nächste Woche.

00:14:57: pass auf Dich auf.

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